Strecktaue und Sicherheitsleinen richtig nutzen
Eine praktische Methode, um Strecktaue zu führen, die kurze Leine zu wählen, seitliche Hakenlasten zu vermeiden und das durchgehende Einpicken zu üben.

Kurz gesagt
Strecktaue und Sicherheitsleinen sind so zu nutzen, dass man sich vor dem Betreten des Decks einpickt, alle Arbeitsplätze mit möglichst wenig Umpicken erreicht und bei Reichweite über die Reling die Kurzverbindung wählt. Hakenlauf, Ausrichtung, Nähte, Überlastindikator und Endpunkte prüfen; eine überlastete Leine wird ersetzt.
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Eine Sicherheitsleine schützt nicht schon deshalb, weil sie in der Ausrüstungsliste steht. Erst Führung, wirksame Länge und Einpickroutine müssen verhindern, dass der Körper über die Deckskante gelangt; dieser Leitfaden überträgt Hochsee-Regeln und Unfallbefunde in eine prüfbare Fahrtenpraxis, ohne eine Einheitslösung für jedes Boot vorzutäuschen.
Das gesamte Rückhaltesystem betrachten
Strecktaue, feste Anschlagpunkte, Gurt und Sicherheitsleine bilden gemeinsam eine Rückhaltekette. Für die betroffenen Hochseekategorien verlangen die Offshore Special Regulations (OSR) 2026–2027 von World Sailing je ein unabhängiges Strecktau auf jeder Decksseite, einen Weg zwischen Cockpit und Arbeitsplätzen mit möglichst wenig Umpicken, dauerhaft montierte Endbeschläge sowie Anschlagpunkte an Ruder, Winschen und Mast. Das sind Wettfahrtregeln und kein allgemeines Fahrtensegel-Gesetz, doch sie liefern einen schlüssigen technischen Prüfmaßstab.
Vorrangiges Ziel ist, an Deck zu bleiben, statt erst einen langen Sturz zu stoppen. Wer außenbords im Gurt hängt, kann durchs Wasser geschleppt werden und ist erheblich schwerer zu bergen; die amtliche Untersuchung zur Yacht Lion stellte fest, dass eine vorhandene kurze 800-mm-Leine am luvseitigen Strecktau den Skipper an Bord gehalten hätte. Die Batoo-Analyse setzt deshalb Sturzvermeidung vor größtmögliche Reichweite.
Einen durchgehenden Weg von unten planen
Die Begehung beginnt am Niedergang. Ein Crewmitglied muss sich noch unter Deck einpicken und verbunden bis zum Steuerstand, zu den Schotwinschen und zum Mast gelangen können; die OSR fordern ausdrücklich einen Anschlagpunkt, der das Einpicken vor dem Betreten und das Auspicken nach dem Verlassen des Decks ermöglicht. Zuerst werden alle vorhersehbaren Arbeiten eingezeichnet, danach wird der Weg mit der tatsächlich verwendeten Ausrüstung langsam abgegangen.
Zwei seitliche Führungen erlauben die Wahl der Luvseite und vermeiden unnötige Decksquerungen. Das Strecktau sollte weit genug innen liegen, um die Reichweite über die Kante zu begrenzen, darf aber nicht über Luken, scharfe Ecken, Steuerräder oder laufendes Gut führen. Die genaue Lage hängt vom Boot ab: Diese Batoo-Empfehlung muss an jedem Arbeitsplatz praktisch bestätigt werden und ist kein übertragbares Standardmaß.
Ein auf dem Plan lückenloser Weg versagt, wenn der Haken nicht gleitet. Bei CV21 stellte die britische Unfalluntersuchungsbehörde MAIB fest, dass ein Scheuerschutz am Strecktau im Cockpit den Karabiner blockierte; die Umständlichkeit verleitete Crewmitglieder dazu, sich auf dem kurzen Weg zwischen Niedergang und Ruder nicht einzupicken. Übergänge, Schutzstücke, Umlenkungen und Beschläge sind deshalb mit Handschuhen und bei wenig Licht zu erproben.
Die kurze Leine gezielt einsetzen
Die OSR 2026–2027 begrenzen eine Sicherheitsleine einschließlich Haken auf 2 m. Zusätzlich verlangen sie entweder eine höchstens 1 m lange Leine oder einen selbstschließenden Zwischenhaken an der 2-m-Leine, sodass eine echte Kurzverbindung verfügbar ist. Die lange Verbindung schafft Bewegungsraum, ist aber falsch, wenn sie an einem exponierten Arbeitsplatz den Oberkörper über die Reling gelangen lässt.
Haken müssen selbst schließen und sich unter Last frei in Zugrichtung ausrichten können. Beim Unfall von CV30 verfing sich ein Haken unter einer Klampe, wurde seitlich belastet, verformte sich und öffnete schließlich; laut MAIB setzt die Prüfung nach ISO 12401 Längsbelastung und freie Drehbarkeit voraus. Eine kräftig aussehende Klampe oder enge Öse ist daher erst nach einer Geometrieprüfung ein geeigneter Partner.
Eine Leine mit zwei Schenkeln ermöglicht das durchgehend gesicherte Umsetzen, doch der unbenutzte Schenkel darf nicht zwischen Schoten und Beschlägen baumeln. Der Lion-Bericht benennt die Fanggefahr des freien Hakens und weist darauf hin, dass er kontrolliert verstaut werden kann. Er gehört nicht beliebig an die Kleidung; maßgeblich sind die Anweisungen für den konkreten Gurt oder die Gurt-Rettungswesten-Kombination an Bord.
Den Lastpfad vollständig inspizieren
Für die erfassten Kategorien schreiben die OSR einen Gurt und eine Leine nach ISO 12401 oder gleichwertig, selbstschließende Haken, ein Herstellungsdatum nach 2000 und einen eingenähten Überlastindikator vor. Eine überlastete Leine ist zu ersetzen. Für Fahrten empfiehlt Batoo, Ausrüstung nach einer erheblichen Belastung, bei sichtbarem Indikator oder geöffneter Naht sofort auszusondern und die Herstellervorgabe statt einer Eigenreparatur zu befolgen.
Vor dem Ablegen werden Gurtband oder Tauwerk, Nähte, Haken, Strecktaue, Endbeschläge und ihre strukturelle Unterfütterung geprüft. Gesucht werden Schnitte, Scheuerstellen, Verunreinigung, Korrosion, Verformung und schwergängige Verschlüsse; verdeckte Befestigungen werden soweit zugänglich einbezogen. Das Aussehen beweist keine Restfestigkeit, weshalb Lebensdauer, Reinigung, Lagerung und Kompatibilität aus der Anleitung des tatsächlich vorhandenen Produkts stammen müssen.
World Sailing fordert für Strecktaue 2040 kg Bruchfestigkeit und erlaubt unbeschichteten, unummantelten 1×19-Edelstahldraht mit mindestens 5 mm Durchmesser, Gurtband oder HMPE-Tauwerk. Diese Zahl ist eine Wettfahrtanforderung, keine Anleitung zur Dimensionierung von Gegenplatten: Die gesamte Last muss in die Bootsstruktur eingeleitet werden, was ein fachkundiger Betrieb beurteilen sollte. Ein starkes Tau an einem schwachen Endpunkt ergibt kein starkes System.
Den Ablauf ohne Sturzbelastung erproben
Am aussagekräftigsten ist eine kontrollierte Begehung im Hafen mit Beobachter und ohne absichtliche Sturzlast. Jedes Crewmitglied pickt sich unter Deck ein, erreicht Ruder, Winschen, Mast und Vorschiff, wechselt die Seite und kehrt zurück; an jedem Platz werden Körperreichweite, notwendige Unterbrechungen, Fangstellen und der Bedarf für den kurzen Schenkel notiert. Die Übung prüft Bedienbarkeit, nicht Festigkeit.
Der Ablauf wird mit Ölzeug, Handschuhen und eingeschränkter Sicht wiederholt. Die Crew legt fest, wann die Kurzverbindung Pflicht ist, welche Seite bevorzugt wird, wo der freie Schenkel bleibt und wer das Kommando übernimmt; auch die Bergung einer weiterhin angeleinten Person gehört ins Training, denn bei CV30 war dieses Szenario laut MAIB meist besprochen, aber nicht praktisch geübt worden. Niemand wird dafür ins Wasser gebracht oder absichtlich in die Leine fallen gelassen.
Die Schlussprüfung betrifft das Verhalten: Einpicken muss leichter sein als die Abkürzung. Blockiert eine Ummantelung den Haken, bleibt ein Arbeitsplatz unerreichbar oder verlangt der Ablauf zwei ungesicherte Schritte, wird die Anlage vor dem Auslaufen geändert. Die klare Folge — unter Deck einpicken, Luvweg nutzen, an exponierten Stellen verkürzen und nach Belastung prüfen — macht aus getragener Ausrüstung eine nutzbare Sicherheitsbarriere.
Quellen und Verweise
Konsultierte Quellen und erhaltene Verweise zur Prüfung von Daten und Kontext.
- Offshore Special Regulations 2026–2027, Version 1World Sailing · 2025-12-05T00:00:00Z
- Report on the investigation of the fatal man overboard from CV21UK Marine Accident Investigation Branch · 2017-04-13T00:00:00Z
- Report on the investigation of the fatal accident on board LionUK Marine Accident Investigation Branch · 2012-02-09T00:00:00Z
- Fatal man overboard from the sailing yacht CV30UK Marine Accident Investigation Branch · 2020-06-30T00:00:00Z
- Gotland Runt, the AF Offshore Race 5 2012Wikimedia Commons


